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Martin Kobler: Die anderen haben das Machtvakuum genutzt, das die UNO hinterlassen hat

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  • 6:15 min

Humanitäre Hilfe kommt erst dann ins Spiel, wenn es auf politischer Ebene nicht mehr weitergeht. Diese Hilfe ist unverzichtbar, aber gleichzeitig ist sie ein Eingeständnis des Scheiterns der bisherigen Politik. Humanitäre Hilfe sollte es eigentlich gar nicht geben, sie ist nur ein Pflaster auf der Wunde, sie dient dazu, dass die Menschen nicht verhungern, dass sie in provisorischen Flüchtlingslagern Unterkunft finden – sagt im Gespräch mit dem Portal Berliński Tygiel (Berliner Schmelztiegel) Martin Kobler, deutscher Diplomat, von Juni 2013 bis Oktober 2015 Leiter der UN-Friedensmission in der Demokratischen Republik Kongo (MONUSCO)

Berliński Tygiel: Wie erinnern Sie sich an Ihren Einsatz im Auftrag der UNO in der DRK?

Martin Kobler: Ich kam 2013 in den Kongo; damals gab es eine Resolution des UN-Sicherheitsrats zur Aufstellung einer neuen Interventionsbrigade [Force Intervention Brigade, die im Rahmen der Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in der Demokratischen Republik Kongo (MONUSCO) tätig war]. Die FIB umfasste 3.000 Soldaten aus Tansania, Südafrika und Malawi und hatte einen aktiven Kampfeinsatz. Wir begannen im August, General Santos Cruz als Befehlshaber der Streitkräfte und ich. Wir haben diese Kräfte aktiv eingesetzt und waren praktisch die einzige internationale Gemeinschaft vor Ort. Wir haben gegen die Milizen und anschließend auch gegen die M23 gekämpft.

Die FIB umfasste 3.000 Soldaten aus Tansania, Südafrika und Malawi und hatte einen aktiven Kampfeinsatz

Die letzte Schlacht fand in Bunagana statt, wo wir gemeinsam mit den FARDC [Streitkräfte der DRK] die M23 besiegt haben. Die Rebellen der M23 erlitten eine Niederlage, und wir versuchten, sie in die FARDC zu integrieren. Anschließend setzten wir unsere Aktivitäten mit anderen Gruppen fort, hatten jedoch leider keinen Erfolg im Fall der FDLR [Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas], was schwierig war und was Ruanda uns immer vorgeworfen hat. Es war eine Zeit, in der die UNO ein aktives Mandat zur Bekämpfung der Milizen hatte. Natürlich führten wir parallel dazu politische Verhandlungen, aber wir verfügten auch über Druckmittel in Form von Streitkräften.

Schon zu meiner Zeit forderte der kongolesische Außenminister, dass wir unser Engagement reduzieren sollten, aber ich habe mich damals dagegen ausgesprochen

BT: Wie haben sich diese Maßnahmen im Rahmen der MONUSCO auf die Lage in der Region ausgewirkt?

MK: Als die M23 verschwunden war, haben wir in Süd- und Nord-Kivu sogenannte „Inseln der Stabilität“ geschaffen, in die Zivilisten strömten und wo das Leben wieder seinen normalen Gang nahm; die Menschen konnten sich wieder frei bewegen. Goma [die Hauptstadt der Provinz Nord-Kivu] wurde befreit, der dortige Flughafen ausgebaut. Ethiopian Airlines nahm dreimal wöchentlich Direktflüge nach Addis Abeba auf. Das war also der Beginn der Rückkehr zur Normalität. In der Folgezeit forderte die kongolesische Regierung in Kinshasa, dass sich die UNO aus Nord- und Süd-Kivu zurückziehen solle, worauf man einging – was ich als den größten Fehler betrachte. Schon zu meiner Zeit forderte der kongolesische Außenminister, dass wir unser Engagement reduzieren sollten, aber ich habe mich damals dagegen ausgesprochen. Ich sagte „nein“, weil ich dafür war, die Stabilisierungstruppen vor Ort zu belassen. Nachdem mein Mandat abgelaufen war, haben meine Nachfolgerinnen [Leila Zerrougui und Bintou Keita] bereits die Politik des UN-Generalsekretärs António Guterres „Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme“ umgesetzt. Die UN-Truppen wurden reduziert, wodurch sie an Schlagkraft verloren, was wiederum zu einem Machtvakuum führte. Als die UNO an Einfluss verlor, begannen andere, dieses Vakuum zu füllen – Truppen der Südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft (SADC), auf bilateraler Ebene ugandische und ruandische Einheiten, Truppen der Ostafrikanischen Gemeinschaft, Truppen aus Tansania sowie rumänische Söldner [die von der kongolesischen Regierung für den Kampf gegen die M23 angeheuert wurden]. Das heißt, früher waren militärisch die UNO und die Armee der DRK präsent, und dann tauchten im Osten des Kongo Söldner, Wagner-Kämpfer und andere auf. Dass die UNO die Entstehung dieses Vakuums zugelassen hat, war ein großer Fehler.

Manchmal kommt es vor, dass Regierungen gut mit der Instabilität zurechtkommen, und wir sollten nicht vergessen, dass es im Osten des Kongo riesige Vorkommen an Seltenen Erden gibt

BT: Welche Bedeutung hat die internationale humanitäre Hilfe heute in der DRK?

MK: Humanitäre Hilfe kommt erst dann ins Spiel, wenn es auf politischer Ebene nicht mehr weitergeht. Diese Hilfe ist unverzichtbar, aber gleichzeitig ist sie ein Eingeständnis des Scheiterns der bisherigen Politik. Humanitäre Hilfe sollte es eigentlich gar nicht geben, sie ist nur ein Pflaster auf der Wunde, sie dient dazu, dass die Menschen nicht verhungern, dass sie in provisorischen Flüchtlingslagern Unterkunft finden usw. Dabei ist diese Hilfe leider auch zurückgegangen. In der DRK gibt es heute sechs Millionen Binnenvertriebene. Die Lage im Kongo selbst ist das Ergebnis vieler verschiedener Faktoren. Der erste Faktor ist nationaler Natur: Die kongolesischen Parteien müssen sich über die Zukunft des Ostkongo einigen, damit nicht einer gegen den Rest spielt. Manchmal kommt es vor, dass Regierungen gut mit der Instabilität zurechtkommen, und wir sollten nicht vergessen, dass es im Osten des Kongo riesige Vorkommen an Seltenen Erden gibt. Manche sind der Meinung, je unsicherer die Lage, desto besser für die Geschäfte. Der zweite Aspekt ist regionaler Natur. Im Osten des Kongo befinden sich zwischen 5.000 und 7.000 ruandische Soldaten. Das Problem ist also nicht nur die M23, sondern auch die Besetzung durch Ruanda. Und hier muss die Afrikanische Union Präsident Paul Kagame einfach klarmachen, dass es so nicht weitergehen kann. Dem Kongo muss seine Souveränität gewährleistet und die ruandischen Truppen müssen abgezogen werden. Und sie dürfen keine Stellvertreter-Milizen wie die M23 haben. Die regionale Komponente ist also sehr wichtig.

Die internationale Gemeinschaft und der UN-Sicherheitsrat müssen klare Bedingungen stellen

BT: Und welche Rolle sollte die internationale Gemeinschaft bei der Stabilisierung der Lage im Osten des Kongo spielen?

MK: Es sollte ein Abkommen auf Initiative der UNO oder der Afrikanischen Union geschlossen werden, sofern diese bereit sind, dies in Angriff zu nehmen. Was im Grunde genommen ausschließlich in der Macht der UNO liegt, ist politisches Handeln und die Vermittlung an die Staaten der Region, dass die Souveränität des Ostkongo gewährleistet sein muss. Man könnte auch den Hebel der Bewirtschaftung von seltenen Erden nutzen und deren Export nach China über Ruanda, Burundi und andere Staaten gesetzlich genehmigen. In dieser Hinsicht bin ich also gar nicht so pessimistisch, sofern natürlich der politische Wille vorhanden ist. Man muss nur allen bewusst machen, dass vom Frieden alle profitieren und vom Krieg alle verlieren. Zu meiner Zeit in der DRK hat genau das auch die UNO getan und versucht, allen Parteien bewusst zu machen, dass vom Handel jeder profitiert – Ruanda, der Kongo und die Bewohner von Nord- und Süd-Kivu –, während durch den Krieg letztendlich alle verlieren. Die internationale Gemeinschaft und der UN-Sicherheitsrat müssen klare Bedingungen stellen. Respektiert die Souveränität des Staates, zieht eure Truppen [aus der DRK] ab, öffnet die Grenzen, schafft einen rechtlichen und legalen Rahmen für den Export seltener Erden und ermöglicht das Wirtschaftswachstum im Osten des Kongo.

Olga Doleśniak-Harczuk

Im Herbst 2025 erschien im Europa Verlag das Buch von Martin Kobler (und Peter Kopf) „Weltenbeben; Europas Chance auf neue Strahlkraft“

Das Interview mit Martin Kobler erschien in polnischer Sprache in einem Artikel, der einen umfassenden Überblick über die aktuelle Lage im Osten der Demokratischen Republik Kongo gibt. Den Artikel finden Sie unter folgendem Link:

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