Dank der bahnbrechenden Recherchen der Journalisten der Tageszeitung „Rzeczpospolita“ wissen wir heute, dass Karol Wojtyła (der spätere Papst Johannes Paul II.) als Erzbischof von Krakau die Ahndung von Priestern, die sich des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen schuldig gemacht hatten, mit großer Ernsthaftigkeit betrat und dass er entgegen einigen Medienberichten pädophile Priester keineswegs geschützt habe.
Die Journalisten, Tomasz Krzyżak und Piotr Litka – die seit 2022 in den Archiven des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) und später der Krakauer Kurie den Fall der Aufarbeitung von Fällen pädophiler Priester in den Jahren 1944–1989 untersuchen, kamen zu dem Schluss, dass die Maßnahmen von Karol Wojtyła im Vergleich zu anderen Kirchenoberhäuptern, die in dieser Zeit ebenfalls mit Fällen von Pädophilie unter Geistlichen konfrontiert waren, geradezu vorbildlich waren.
Als die Journalisten der Zeitung „Rzeczpospolita“ vor fast fünf Jahren mit der Arbeit an der ersten Recherche zum Thema Pädophilie in der Kirche begannen, wurde in Polen bereits seit längerer Zeit über die Einrichtung einer Kommission diskutiert, die Fälle von pädophilem Missbrauch unter Geistlichen untersuchen sollte. Tomasz Krzyżak und Piotr Litka starteten damals am Institut für Nationales Gedenken ein Projekt, in dessen Rahmen sie untersuchen wollten, inwieweit die Behörden der Volksrepublik Polen (PRL) über Pädophilie unter Priestern Bescheid wussten.
Krzyżak: Wojtyła wollte nichts unter den Teppich kehren
Der Untersuchungszeitraum sollte die Jahre 1944 bis 1989 abdecken, da die entsprechenden Akten im Archiv des IPN verfügbar sind. „Im Rahmen unserer Recherche wurden insbesondere Dokumente zu Verfahren gesucht, welche die damaligen kommunistischen Behörden, namentlich der Sicherheitsdienst (SB) und die Bürgermiliz (MO), gegen Geistliche eingeleitet hatten. Wir haben uns gefragt, wie diese Fälle gelaufen sind”, verrät Tomasz Krzyżak im Gespräch mit Berliński Tygiel.
-Im Hinterkopf hatten wir auch die Diskussion, die damals aus der Weltkirche nach Polen zu dringen begann. Man sprach damals über Pädophilie und darüber, wie Johannes Paul II als Papst zu diesem Thema stand. Wir wussten aber schon damals, dass diese Fragen irgendwann auf die lokale, auf die polnische Ebene kommen würden. Dann würde man sich fragen, wie Karol Wojtyła auf mögliche Fälle von Pädophilie reagierte, als er von 1964 bis 1978 Metropolit von Krakau war- sagt Krzyżak.
Im Zuge dieser Recherche betrafen einige der ersten von den Krzyżak und Litka aufgedeckten Fälle gerade die Erzdiözese Krakau aus der Zeit der Amtszeit von Karol Wojtyła. Es handelte sich um die Fälle zweier Priester, Pfarrer Józef Loranc und Pfarrer Eugeniusz Surgent. Und auf der Grundlage dieser im Institut für Nationales Gedenken gesammelten Materialien, also der von den kommunistischen Behörden erstellten Dokumente, stellte sich heraus, dass diese beiden Geistlichen zu Freiheitsstrafen verurteilt worden waren.
Tomasz Krzyżak erklärt weiter: „Auf der Grundlage dieser Unterlagen haben wir die möglichen Handlungen von Karol Wojtyła in diesen Fällen rekonstruiert und unsere Artikel Ende 2022 veröffentlicht, allerdings mit dem Vorbehalt, dass wir zwar einige Fragen haben, auf die wir in diesen Unterlagen keine Antwort finden, dass wir dennoch die These aufstellen können, dass Wojtyła, als er erfuhr, dass diese beiden Priester Kinder sexuell missbrauchten, so handelte, wie es ihm das damalige kanonische Recht, das Kirchenrecht, vorschrieb.
Das heißt also, dass er nichts verheimlicht hat, nichts unter den Teppich kehren wollte, sondern es kam einfach zu einer Suspendierung des Priesters vom Dienst, zur Verhängung irgendwelcher Strafen, und als diese Priester dann verurteilt wurden und ins Gefängnis kamen, wurden sie nach ihrer Entlassung nicht wieder in den Dienst aufgenommen, sondern man hielt sie, umgangssprachlich ausgedrückt, in einer Personalreserve.
Es stellte sich jedoch heraus, dass zur gleichen Zeit auch andere Journalisten diese Unterlagen untersuchten. Marcin Gutowski von TVN24 untersuchte sie, ebenso wie Ekke Overbeek, ein in Polen lebender niederländischer Journalist. Nur dass sie aus denselben Unterlagen, die wir gelesen hatten, zu anderen Schlussfolgerungen gelangten“.
Gleiche Dokumente, unterschiedliche Deutung
Und tatsächlich ging aus dem Fernsehbericht von Tomasz Gutowski, der im März 2023 auf TVN24 unter dem Titel „Franciszkańska 3“ (in Anspielung auf die Adresse der Krakauer Kurie) ausgestrahlt wurde, hervor, dass Karol Wojtyła die Fälle von mindestens zwei pädophilen Priestern vertuscht habe. Auch aus dem zeitgleich erschienenen Buch von Ekke Overbeek „Maxima culpa. Johannes Paul II wusste Bescheid“ ergab sich das Bild eines Papstes, der von Fällen von Pädophilie unter Priestern wusste, aber entweder nicht angemessen reagierte oder einfach schwieg.
Tomasz Krzyżak, gefragt nach der Quelle solch widersprüchlicher Schlussfolgerungen, führt dies auf eine „andere Interpretation“ zurück und sagt direkt: „Sie haben in diesen Dokumenten einfach etwas gelesen, was dort nicht steht“.
– Wenn wir uns zum Beispiel auf den Fall des Priesters Eugeniusz Surgent konzentrieren, ist es eine Tatsache, dass dieser Geistliche sehr oft die Pfarrei wechselte. Aus den Unterlagen des IPN geht jedoch hervor, dass diese häufigen Wechsel der Pfarreien darauf zurückzuführen waren, dass Surgent einen sehr konfliktreichen Charakter hatte und, wo immer er hinkam, sofort in irgendeinen Konflikt geriet. Mal mit dem Pfarrer, mal mit dem Küster oder dem Organisten. Andererseits baute er auf recht interessante Weise einen Kreis von Anhängern um sich herum auf. In diesen Unterlagen findet sich jedoch nirgendwo der Hinweis, dass seine Versetzung darauf zurückzuführen war, dass die kirchliche Obrigkeit erfahren hatte, dass er jemandem Unrecht getan hatte – erklärt Journalist der „Rzeczpospolita“.
Krzyżak weist auf einen weiteren Aspekt im Zusammenhang mit dem Bericht von Marcin Gutowski hin, nämlich darauf, dass der Autor zwar Personen ausfindig gemacht hat, die von dem einen oder anderen Priester missbraucht wurden, diese Aussagen heute jedoch nicht mehr überprüft werden können. – Diese Personen gaben an – und wir haben keinen Grund, ihnen nicht zu glauben –, dass eine dritte Person, z. B. Familienangehörige, da sie selbst damals ja erst etwa 8–9 Jahre alt waren, die kirchlichen Behörden darüber informiert habe, was diese Priester taten. Das Problem ist, dass sich dies nicht überprüfen lässt, da wir weder im Archiv der Krakauer Kurie noch im Archiv des Instituts für Nationales Gedenken irgendwelche materiellen Beweise dafür haben.
Wir haben einen mündlichen Bericht, an den wir – wie ich betonen möchte – keinen Grund haben, nicht zu glauben, den wir aber nicht überprüfen können. Die betroffenen Personen sind verstorben. Man könnte Wojtyła fragen, wenn er noch am Leben wäre – sagt Krzyżak.
Eugeniusz Surgent – Sexualstraftäter und IM des kommunistischen Geheimdienstes
Die Geschichte von Surgent ist als solche frappierend. Wie Krzyżak und Litka in ihren Artikeln schrieben, gab es um diesen Geistlichen viele Rätsel. So war beispielsweise unklar, warum Surgent 1964 aus der Pfarrei Wieliczka abberufen wurde und ihm zudem die Arbeit im Gebiet der Erzdiözese Krakau untersagt wurde, um ihn dann nach einigen Monaten wieder in den Dienst zu stellen. Damals wandte sich ein Mann an die Journalisten, der bezeugte, dass eine ihm nahestehende Person von dem Geistlichen missbraucht worden sei; dieser Mann informierte auch die kirchlichen Behörden.
In den Unterlagen selbst gab es aber keinen Hinweis darauf, ob Surgent in dieser Pfarrei jemandem Schaden zugefügt hatte oder nicht; da er jedoch der Gemeinde verwiesen wurde, blieb ein Fragezeichen bestehen. Ebenso rätselhaft war der Fall aus dem Jahr 1969, denn aus den Unterlagen des Sicherheitsdienstes (SB) aus diesem Jahr geht hervor, dass der Pfarrer damals einer Person Schaden zugefügt hatte und der SB ihn auf seine Seite gezogen hatte, indem er ihn zu einem IM anwarb.
Tomasz Krzyżak bemerkt: „Während des Anwerbegesprächs soll Surgent beteuert haben, dass er keinem Kind etwas zuleide getan habe, unterschrieb aber dennoch die Verpflichtung zur Zusammenarbeit. Irgendwann Anfang 1971 teilte Surgent dem Sicherheitsdienst mit, dass sein Gewissen ihm eine Zusammenarbeit mit ihnen nicht erlaube. Und es gibt eine sehr interessante Notiz zu diesem Thema. Ein SB-Offizier, der ihn befragte, notierte, dass „man besser keinen Druck auf ihn ausüben und ihn in Ruhe lassen sollte, da er als Nicht-Mitarbeiter noch mehr Schaden in der Kirche anrichten würde“.
Es gab jedoch keinen Hinweis darauf, dass die kirchlichen Behörden davon wussten. Dennoch wurde er 1969 nicht in eine andere Pfarrei versetzt, sondern arbeitete dort noch bis 1971. Wie aus den Unterlagen des IPN hervorgeht, erhielt er damals jedoch eine Verwarnung. – Diese Rätsel um Surgent waren im Jahr 2022 nicht zu lösen, da Erzbischof Marek Jędraszewski Ende 2022 den Zugang zum Archiv der Krakauer Kurie stark eingeschränkt hatte, sodass es eigentlich keine Möglichkeit gab, das Wissen, das wir aus den im Institut für Nationales Gedenken gesammelten Unterlagen haben, mit anderen Quellen abzugleichen. Diese Möglichkeit ergab sich erst jetzt, als Kardinal Grzegorz Ryś Ende letzten Jahres Krakauer Metropolit wurde.
Sobald Kardinal Ryś die Diözese kanonisch übernommen hatte, wandten sich Krzyżak und Litka an ihn mit der Bitte, die Unterlagen prüfen und mit denen des IPN vergleichen zu dürfen.
– Unsere Thesen haben sich bestätigt, sowohl im Fall von Pfarrer Surgent als auch von Pfarrer Józef Loranc wurde vorbildlich vorgegangen, es gab keinerlei Vertuschung. Zudem klärten sich Fragen bezüglich des Jahres 1964, und es bestätigte sich, dass Surgent konfliktreich war und in einen heftigen Streit mit dem neu ernannten Pfarrer der Gemeinde geriet und als Vikar die Gemeinde leiten wollte. Es ging also um einen Konflikt und nicht um sexuellen Missbrauch. Was das Jahr 1969 betrifft – im Archiv der Kurie stießen Journalisten auf eine anonyme Meldung, wonach Pfarrer Surgent jemandem Schaden zugefügt habe. Diese Meldung war undatiert, ließ sich jedoch leicht mit den Informationen des IPN in Verbindung bringen. Zumal Karol Wojtyła 1969 Pfarrer Surgent – was damals äußerst selten war – zu einer psychiatrischen Untersuchung schickte. Aus diesen psychiatrischen Untersuchungen ging hervor, dass Surgent hysterisch sei, aber es ergab sich nicht – dort gab es ohnehin überhaupt keine Fragen zu Sexualität, ob er pädophile Neigungen habe oder nicht. Auf jeden Fall wurde der Dienst des Pfarrers damals in gewisser Weise eingeschränkt, und da die Anzeige anonym war und nicht überprüft werden konnte, wurde er einfach beobachtet. – Nach zwei Jahren, als man zu dem Schluss kam, dass es in diesem Bereich keine weiteren Beschwerden gegen ihn gab, wurde er in die Pfarrei im Dorf Kiczora versetzt, was, wie wir heute wissen, leider schwerwiegende Folgen hatte, da er dort einfach eine Menge Kinder missbraucht hat – bemerkt Tomasz Krzyżak.
Und er fährt fort: „Als Wojtyła erfuhr, dass Surgent Kindern Schlimmes antat, verbot er ihm jegliche seelsorgerische Tätigkeit im Gebiet der Erzdiözese Krakau und suspendierte ihn. Und als Surgent aus dem Gefängnis kam und an Wojtyłas Tür klopfte, hörte er: >Du hast Arbeitsverbot, und ich will dich hier nicht haben<. Surgent landete irgendwann in einem Kloster, wo er unter anderem als Maurergehilfe im Garten arbeitete, und Ende 1978 ging er in die Diözese Köslin – Kolberg (pln. Koszalińsko-Kołobrzeska), wo man wusste, warum er in der Erzdiözese Krakau mit einem Arbeitsverbot belegt war, und ihn dennoch aufnahm. Karol Wojtyła trägt also keinerlei Verantwortung dafür.“ Auf die Tatsache, dass Surgent nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis noch in zwei weiteren Diözesen tätig war, hatte der damalige Krakauer Metropolit nämlich keinerlei Einfluss.
Der Sicherheitsdienst hat Surgent in der Diözese Köslin – Kolberg erneut ins Visier genommen, denn die Behörden der PRL wussten genau, welche Vergangenheit Surgent hatte. Sie beobachteten ihn genau und rekrutierten ihn erneut. Die Sicherheitsbehörden breiteten einen Schutzschirm über ihn aus und ließen ihn ungestraft Kinder missbrauchen; im Gegenzug berichtete er ihnen darüber, was in den Strukturen der Kirche von Köslin – Kolberg vor sich ging. Und diese Zusammenarbeit dauerte mehrere Jahre, etwa von 1985 bis zum Fall des Kommunismus 1989.
Wie viele minderjährige Opfer hatte Pfarrer Surgent auf dem Gewissen? Laut Krzyżak ist es schwierig, die genaue Zahl zu schätzen. Allein im Fall des Dorfes Kiczora identifizierten die damaligen Strafverfolgungsbehörden 12 Geschädigte, doch Surgent wurde wegen der Misshandlung von sechs Personen verurteilt, da die übrigen sechs damals über 15 Jahre alt waren, was aus Sicht des staatlichen Rechts kein Verbrechen darstellte. Aus Sicht des Kirchenrechts handelte es sich jedoch bereits um eine Straftat, da hier die Grenze bei 16 Jahren lag. Im staatlichen Jugendstrafrecht spricht man derzeit von Minderjährigen bis zum 15. Lebensjahr, während nach kirchlichem Recht die Grenze bei 18 Jahren liegt. Dies ist jedoch der Fall von Kiczora, und es gab ja noch andere Fälle. Wie aus den Unterlagen des IPN hervorgeht, hat Surgent Kindern Schaden zugefügt, während er auch im Gebiet der Diözese Köslin – Kolberg tätig war; dort tauchen ebenfalls einige Namen auf. – Als Surgent in Untersuchungshaft saß und auf seinen Prozess wartete, steckte ihm die Staatssicherheit einen geheimen Mitarbeiter in die Zelle. Das wurde schön als „geheimer Zellmitarbeiter“ bezeichnet. Also entweder ein Beamter, der sich als Häftling ausgab, oder ein anderer Häftling. Und Surgent gestand diesem Häftling, dass er in allen Pfarreien, in denen er tätig war, Kinder missbraucht hatte – fügt Krzyżak hinzu.
Die Geschichte von Józef Loranc
Der Fall von Pfarrer Józef Loranc war im Weiten nicht so komplex wie der von Eugeniusz Surgent. Wie Krzyżak und Litka bereits im Dezember 2022 in der Zeitung „Rzeczpospolita“ schrieben: „Von seiner Priesterweihe bis zu seinem Tod im Jahr 1992 war Loranc Geistlicher der Erzdiözese Krakau. Aus den Archivunterlagen, zu denen wir Zugang hatten, geht hervor, dass Kardinal Wojtyła in seinem Fall rasche, im Einklang mit dem Kodex des Kanonischen Rechts (CIC) stehende Entscheidungen traf. Und obwohl er ihm später nach und nach die auferlegten kirchlichen Strafen erließ und ihm weitreichende Barmherzigkeit erwies, blieb er dennoch wachsam.“
Auch fast vier Jahre nach dieser Veröffentlichung sind die Autoren des Artikels auf keine Dokumente gestoßen, die diesen Schlussfolgerungen widersprechen würden.
Man kann sagen, dass es sich im Fall des gegen Pfarrer Loranc eingeleiteten Verfahrens um ein vorbildliches Vorgehen handelte. Als die Mütter der missbrauchten Kinder Ende Februar 1970 zum Pfarrer der Pfarrei Jeleśnia kamen und erzählten, was der Vikar ihren Kindern angetan hatte, setzte der Pfarrer Loranc, ohne zu zögern ins Auto, und beide fuhren nach Krakau. Vor Ort wurde Erzbischof Wojtyła über die gesamte Situation informiert, woraufhin er entschiedene Maßnahmen ergriff. Loranc wurde von seinen pastoralen Aufgaben suspendiert; er sollte in sein Elternhaus zurückkehren und dort auf weitere Entscheidungen warten.
Am nächsten Tag beschloss Wojtyła, der sich zu dieser Zeit auf seine Abreise nach Rom vorbereitete, dass der Vikar in das Zisterzienserkloster fahren solle, wo er auf weitere Entscheidungen warten würde.
Während Wojtyłas Aufenthalt in Rom wurde, Loranc, der sich im Kloster aufhielt, verhaftet. Man könnte sagen, dass dies eine vorbildliche Vorgehensweise war: den Priester von dem Ort zu entfernen, an dem er das Verbrechen begangen hatte, ihn zu isolieren und generell abzuwarten, bis sich die Angelegenheit geklärt hatte, denn es war bekannt, dass sich die Miliz damit befassen würde – sagt Tomasz Krzyżak.
Loranc kam ins Gefängnis, wurde aber nach einiger Zeit wieder entlassen. Warum? Im Jahr 2022 wussten die Journalisten noch nichts davon, aber der Vikar legte gegen das Urteil Berufung beim Obersten Gerichtshof ein und erreichte eine Aussetzung der Strafvollstreckung für vier Jahre – diese Informationen konnten erst in diesem Jahr ermittelt werden, nachdem das Archiv der Krakauer Kurie wieder geöffnet wurde.
Wie sich herausstellte, legte Wojtyła den Fall Loranc dem Metropolitangericht von Krakau, also dem Bischofsgericht, zur Entscheidung vor. Und das aus fünf Mitgliedern bestehende Bischofsgericht kam zu dem Schluss, dass, da der Vikar bereits von den staatlichen Behörden bestraft worden war, er nach kanonischem Recht nicht noch einmal bestraft werden könne, da man nicht zweimal für dasselbe Vergehen bestrafen dürfe. Und dann, nach diesem Urteil, schrieb Wojtyła in einem Brief an Loranc, dass ihm zwar keine Strafe nach kanonischem Recht auferlegt worden sei, dies aber nicht bedeute, dass kein Vergehen vorliege. Ein Vergehen habe vorgelegen, und der Vikar werde nicht wieder in den Dienst aufgenommen, sondern in das Kloster in Zakopane zu den Albertinern geschickt. Und in diesem Kloster schrieb Loranc im Auftrag der Pastoralabteilung der Krakauer Kurie liturgische Bücher ab.
Und das tat er vier Jahre lang, also während der gesamten Dauer der Aussetzung seiner Haftstrafe. Erst nach Ablauf dieser Frist wurde er zum Krankenhausseelsorger in Chrzanów ernannt, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1982 tätig war. Wie Tomasz Krzyżak erklärt, ist es bisher nicht gelungen, in den Archiven die Begründung der Aussetzung der Haftstrafe des Obersten Gerichtshofs zu finden. Die Recherche ist jedoch noch im Gange, daher ist es möglich, dass auch dieses Dokument gefunden wird.
– Wir haben das fast schon als Gewissheit empfundene Gefühl – das wir in einem unserer Texte zum Ausdruck gebracht haben –, dass diese Aussetzung der Strafe durch eine Bescheinigung beeinflusst, worden sein könnte, die die Krakauer Kurie Pfarrer Lorenz ausgestellt hat und in der alle Maßnahmen beschrieben sind, die sie in Bezug auf seine Person ergriffen, hat. Am Ende dieser Bescheinigung steht jedoch ein wichtiger Satz: >Es ist nicht geplant, diesem Priester in Zukunft irgendeine katechetische Tätigkeit zu übertragen<, das heißt, um es in verständlicher Sprache auszudrücken: >Wir haben nicht vor, diesem Priester in Zukunft Aufgaben im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit zu übertragen<. Vielleicht war das der Grund, warum der Oberste Gerichtshof die Vollstreckung dieser Strafe ausgesetzt hat – sagt der Journalist.
Die Recherche im Institut für Nationales Gedenken dauert bis heute an. Die Journalisten haben zudem einige Bischöfe gebeten, ihnen Unterlagen über Priester zur Verfügung zu stellen, deren Namen in den Dokumenten auftauchen. Allein anhand der Recherchen beim IPN identifizierten Krzyżak und Litka zwischen 1944 und 1989 136 Täter.
Eine anonymisierte Liste der Täter mit Fallbeschreibungen wurde auf dem Portal rp.pl veröffentlicht. Die Fälle wurden auch dahingehend untersucht, wie die Behörden der Volksrepublik Polen damit umgegangen sind. In drei Vierteln der Fälle wurden Gerichtsverfahren eingeleitet und die Täter bestraft. In einigen Fällen wurden die Täter als geheime Mitarbeiter der Staatssicherheit rekrutiert.
Direktor des Warschauer Museums für Johannes Paul II. und Primas Wyszyński: Angriffe auf Wojtyła haben die Polen als Gesellschaft wachgerüttelt
Haben die Berichte einiger Medien, wonach Karol Wojtyła als Krakauer Metropolit Fälle von Pädophilie vertuscht haben soll, die Wahrnehmung von Johannes Paul II. in der polnischen Gesellschaft insgesamt beeinflusst? Nach Ansicht von Piotr Dmitrowicz, Historiker und Direktor des Warschauer Museums für Johannes Paul II. und Primas Wyszyński, hatten sie keinen oder nur einen geringen Einfluss.
– Paradoxerweise haben bestimmte Angriffe auf Johannes Paul II. – die, wie die umfangreichen und gut dokumentierten Veröffentlichungen von Tomasz Krzyżak und Piotr Litka gezeigt haben, ungerechtfertigt waren – die Polen als Gesellschaft wachgerüttelt. Diese Angriffe aus dem Jahr 2023 waren nicht die ersten, sie tauchten schon seit einiger Zeit auf; es handelte sich um weitere Versuche, die Autorität des Papstes zu untergraben. Und es ist hervorzuheben, dass Johannes Paul II. in Polen nicht nur für Gläubige, für Katholiken, eine wichtige Persönlichkeit ist, sondern auch für einen großen Teil des liberal-linken Milieus“, sagt Piotr Dmitrowicz.
Dmitrowicz fügt hinzu, dass laut einer Umfrage vom April 2025, die zum 20. Todestag des Papstes durchgeführt wurde, Johannes Paul II. für über 70 % der Polen nach wie vor eine Autorität darstellt.
Seiner Meinung nach hat die Untersuchung von Tomasz Krzyżak und Piotr Litka bewiesen, dass Karol Wojtyła alles in seiner Macht Stehende und sogar noch mehr getan hat, um dem entgegenzuwirken, was damals geschah.
– Sie haben diese Fälle natürlich auf der Grundlage von Dokumenten des IPN untersucht, da nur diese verfügbar waren, doch vor einem Monat haben sich ihre früheren Untersuchungen dank der Öffnung des Archivs der Krakauer Kurie bestätigt – sagt Dmitrowicz.
– Als sich in Polen dieser Sturm um Johannes Paul II. entfachte, erhielt ich viele Nachrichten von Bekannten und Freunden aus dem Ausland, die erstaunt waren, dass ein solcher Angriff ausgerechnet aus Polen kam. Freunde aus Mexiko, für die Johannes Paul II. eine absolute Autorität darstellt, waren geradezu schockiert – fasst Piotr Dmitrowicz zusammen.
Olga Doleśniak-Harczuk


