Dr. Jürgen P. Lang: Für mich sind BSW und AfD keinesfalls zwei Enden eines Hufeisens

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  • 11:42 min


Es war faszinierend zu sehen, wie ein junger Mensch, der den kompletten Marx auswendig gelernt zu haben schien, mit solcher Vehemenz eine überkommene Ideologie gegen alle Widerstände retten wollte. Sahra Wagenknecht hat sich Jahrzehnte später zur Populistin gewandelt. Das weckte mein Faible für ideologische Grenzgänger – sagt Dr. Jürgen P. Lang, Politikwissenschaftler und Autor des neuesten Buches über Sahra Wagenknecht, im Gespräch mit dem Portal Berliński Tygiel.


Berliński Tygiel: Warum haben Sie sich entschieden, gerade über Sahra Wagenknecht ein Buch zu schreiben? Das ist wohl eine der banalsten Fragen, die man einem Buchautor stellen kann – aber trotzdem spannend zu hören, was genau Sie an dieser Politikerin so in den Bann gezogen hat.


Dr. Jürgen P. Lang: So banal ist die Frage nicht. Das hatte verschiedene Gründe. Mich hat Sahra Wagenknecht als politischer Mensch in der Tat schon immer fasziniert. Ich habe mich Anfang der 1990-er Jahre mit der PDS beschäftigt, also der umbenannten Staatspartei der DDR. Ich wollte wissen, wie aus einer solchen Partei ein Player im demokratischen Wettbewerb des wiedervereinigten Deutschlands wird. Sahra Wagenknecht, damals gerade mal 21 Jahre alt, war jemand, die sich vehement gegen jede Anpassung an das neue System gestemmt hat, die orthodox-kommunistische Positionen vertrat und die „heile Welt“ der DDR zurückhaben wollte. Es war faszinierend zu sehen, wie ein junger Mensch, der den kompletten Marx auswendig gelernt zu haben schien, mit solcher Vehemenz eine überkommene Ideologie gegen alle Widerstände retten wollte. Sahra Wagenknecht hat sich Jahrzehnte später zur Populistin gewandelt. Das weckte mein Faible für ideologische Grenzgänger. Und so lag es einfach auf der Hand, ein Buch über diesen Wandel zu schreiben. Also zu analysieren, ob es Brüche in Wagenknechts politischem Denken gab oder ob man nicht doch von einer gewissen Kontinuität ausgehen muss.

Es war faszinierend zu sehen, wie ein junger Mensch, der den kompletten Marx auswendig gelernt zu haben schien, mit solcher Vehemenz eine überkommene Ideologie gegen alle Widerstände retten wollte. Sahra Wagenknecht hat sich Jahrzehnte später zur Populistin gewandelt

BT: Sie haben mit Sahra Wagenknecht gesprochen, sie wusste, dass Sie ein Buch über sie schreiben. Was für ein Mensch ist sie privat?


JPL: Das kann ich aus dem Gespräch mit Sahra Wagenknecht nicht herleiten. Ich habe mich im Juni 2023 mit ihr getroffen – da war sie noch Bundestagsabgeordnete der Linken, bastelte aber schon an ihrer neuen Partei BSW. Ich wollte einfach Wissenslücken für mein Buch schließen. Sahra Wagenknecht war freundlich und offen, aber auch reserviert. Was nicht weiter verwundet, schließlich kam da einer daher, der etwas über sie schreiben wollte. Man sagt Wagenknecht nach, kühl zu sein, und mit Emotionen zu geizen. Das kann man als Außenstehender so sehen. Aus ihrem politischen Handeln und ihrem Verhalten in unterschiedlichen Situationen kann man sicherlich sagen: Wagenknecht ist kein Mensch, der sich zu unüberlegten, spontanen Aktionen verleiten lässt. Sie ist jemand, der fest an die eigenen Überzeugungen glaubt. Und entsprechend will sie auch andere überzeugen und eben nicht emotional vereinnahmen. Wenn man sich ihre engere Anhängerschaft anschaut, sieht man, dass die Loyalitäten nicht durch Sympathien oder Antipathien zustande kommen, sondern ausschließlich durch geteilte Überzeugungen. Deshalb ist das Wagenknecht-Lager, das ich in meinem Buch analysiere, im Inneren sehr homogen. Eine solche Homogenität war übrigens immer Wagenknechts Ideal für eine Partei und die Gesellschaft insgesamt.

fot. ODH


BT: Ohne die AfD wäre Sahra Wagenknecht nicht zur Populistin geworden – steht in Ihrem Buch. Als ich diese Worte las, erinnerte ich mich an die Annäherungsversuche des prorussischen Magazins “Compact”, das Wagenknecht auf dem Höhepunkt ihrer Popularität zur Traumpartnerin für Alice Weidel stilisierte. Das konnte nicht gut funktionieren, oder?


JPL: Ich glaube schon, dass sich Wagenknecht und Weidel gegenseitig wertschätzen. Aber was “Compact” da versucht hat zu konstruieren, war doch mehr Wunschdenken als Realität. Bei Lichte betrachtet vertreten beide doch sehr unterschiedliche, fast schon gegensätzliche Positionen. Alice Weidel ist wirtschaftsliberal orientiert und neigt eher zum libertären Teil des Rechtspopulismus wie er vor allem in den USA unter Donald Trump stark präsent ist. Den Russland-Kontakten in der AfD steht sie skeptisch bis ablehnend gegenüber. In beiden Punkten vertritt Sahra Wagenknecht das genaue Gegenteil: Sie bekämpft den Neoliberalismus, den sie in Weidel erblickt, und kann mit dem Trump-Populismus überhaupt nichts anfangen. Dem Putin-Regime seht sie dagegen wohlwollend gegenüber. Die Russland-Apologie wiederum verbindet Wagenknecht mit den Fundamentalisten in der AfD wie Weidels Co-Vorsitzendem Tino Chrupalla, vor allem aber Björn Höcke. Mit Populismus hat das alles wenig zu tun. Wagenknecht wurde, aber wie ich in meinem Buch analysiert habe, tatsächlich wegen der AfD zur Populistin, weil sie anders als ihre Partei wahrnahm: Die AfD holt die Protestwähler von der Linken zu sich. Das wollte sie verhindern und die Linke näher an die Sorgen der Menschen rücken, vor allem in der Migrationsfrage. Damit kam sie in der Partei, die ihr Anbiederung nach „rechts“ vorwarf, nicht weit – und gründete schließlich eine eigene Organisation.

Die Russland-Apologie wiederum verbindet Wagenknecht mit den Fundamentalisten in der AfD wie Weidels Co-Vorsitzendem Tino Chrupalla, vor allem aber Björn Höcke. Mit Populismus hat das alles wenig zu tun

BT: Sie betonen immer wieder Wagenknechts Antiamerikanismus, im Falle der AfD ist die Sache nicht mehr so eindeutig. Wenn wir annehmen, dass die BSW und die AfD heute zwei Enden eines politischen Hufeisens darstellen, müssen sie sich an einem Punkt begegnen. Wo sehen Sie diesen Punkt?


JPL: Für mich sind BSW und AfD keinesfalls zwei Enden eines Hufeisens. Wie gesagt, beide Parteien sind sehr unterschiedlich zum Beispiel in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Da ist das BSW links, die AfD rechts zu verorten. In der Identitätspolitik wiederum vertreten sie ähnliche Positionen. Beide wenden sich gegen linksidentitäre Vorstellungen, zum Beispiel kulturelle und sexuelle Vielfalt. Und, Sie haben völlig recht, auch den Antiamerikanismus teilen beide Parteien. Allerdings ist er in der AfD nur zum Teil präsent und nicht so fundamental wie im BSW. Jedoch wachsen zurzeit in der AfD die Vorbehalte gegenüber der Trump-Administration. Wagenknechts Antiamerikanismus war dagegen immer festgefügt – das ist eine der Konstanten in ihrem Denken. Wagenknecht vertrat schon als Kommunistin einen rigiden Antiimperialismus, der nie aufweichte. Das bedeutete eine strikte Gegnerschaft gegen „den Westen“.


BT: Im September 2024 war ich auf einer Wahlparty der BSW in Erfurt. Dort sah ich, wie ihre Parteikollegen auf Wagenknecht reagierten. Sie wurde fast wie eine Priesterin behandelt. Hat sich das geändert?


JPL: Nein. Wagenknechts Anhänger lassen keine Kritik an ihrem Idol zu, zumindest nicht öffentlich. Das ist das Rezept des BSW: Abweichende Meinungen an der von Wagenknecht vorgegebenen Generallinie sollen möglichst unterbunden werden. Das gelingt nicht unbedingt, wenn man auf die jüngsten Entwicklungen blickt. Der rigide Kurs der Parteiführung sorgt für viel Frust. Die Konflikte werden intern nicht ausgetragen. Deshalb bleibt für viele, auch BSW-Minister und -Abgeordnete in Brandenburg, nur der Austritt. Wagenknecht wollte das haben, was sie immer vermisste: Eine harmonische Partei ohne Reibereien. Das hat sie in der PDS und der Linken so schmerzlich vermisst. Aber: Sie hat das BSW von oben auf dem Reißbrett entworfen, die Partei lebt nicht, ihre Anhänger geben den Ton an. Das kann auf Dauer nicht funktionieren und hat dem BSW nun schweren Schaden zugefügt.

Der rigide Kurs der Parteiführung sorgt für viel Frust. Die Konflikte werden intern nicht ausgetragen. Deshalb bleibt für viele, auch BSW-Minister und -Abgeordnete in Brandenburg, nur der Austritt

BT: Das BSW hat ziemlich schnell an Schwung verloren. Die Partei, die sich zunächst als dritte politische Kraft stilisierte, konnte sich gegen die AfD nicht behaupten. Oder begrabe ich die BSW vielleicht voreilig?

JPL: Die Zukunft kann niemand vorhersagen. Aber die Umfragen zu den Landtagswahlen in diesem Jahr verheißen nichts Gutes. Selbst in Ostdeutschland, wo das Bündnis bei den Wahlen 2024 fulminant gestartet war, sehen Umfragen das BSW bei nurmehr sechs Prozent. Ich wüsste nicht, wie die Partei das Ruder noch herumreißen könnte. Das BSW steckt seit der Niederlage bei der Bundestagswahl 2025 fest. Und man muss sagen: Wagenknecht hat sich verzockt. Sie ist mit drei großen Themen in die Wahlkämpfe gegangen: Migration, soziale Gerechtigkeit und Frieden. Bei der Migration wurde sie von der AfD von rechts überholt, die wesentlich schärfer agitiert hatte. Und dasselbe gilt für die soziale Gerechtigkeit, wo Wagenknechts alte Partei Die Linke punkten konnte. Das Friedensthema haben alle drei Parteien beackert. Es bot dem BSW also kein Alleinstellungsmerkmal. Hinzu kommt, dass sich in der Bevölkerung, auch im Osten, eine differenziertere Sicht breitmacht und die Zweifel am Friedenswillen Russlands wachen. Wagenknecht Schwarz-Weiß-Malerei vom bösen Westen und guten Osten greift immer weniger.


BT: Vor einigen Tagen hat Sahra Wagenknecht den Rapper Finch, der unter anderem als Autor des Songs „Kein Bock auf Krieg“ bekannt ist, zu einem Gespräch auf ihrem YouTube-Kanal eingeladen. Auf die Frage nach diesem Song wies Wagenknecht darauf hin, dass die Kritiker dem Rapper prorussische Sympathien vorgeworfen hätten. Sie stellte quasi fest, dass man in Deutschland, wenn man sich für den Frieden einsetzt, umgehend nahezu als Freund Putins abgestempelt werde. Ist es tatsächlich möglich, Wagenknechts Pazifismus, ihr Engagement für das „Manifest für den Frieden“ usw. von ihrer prorussischen Haltung zu trennen?

JPL: Nein, beides ist untrennbar miteinander verbunden. Es geht auch gar nicht um Frieden, sondern um die Fortsetzung des Kalten Kriegs auf der Ebene der Ideologien. Es geht schlicht darum, die eine Seite zu diskreditieren und die andere zu läutern. Das hat in den 1970-er Jahren bereits die von der SED gesteuerte, westdeutsche DKP praktiziert. Sie machte bei der Friedensbewegung mit, nicht mit pazifistischen Motiven, sondern um dort die Sowjetunion als Friedensmacht anzupreisen, die sich gegen die Aggressoren NATO und USA zur Wehr setze. Pazifismus hat einen hohen moralischen Wert. Er kann deshalb leicht als Totschlagsbegriff gegen alle eingesetzt werden, die zwar auch Frieden wollen, aber dies mit Wehrhaftigkeit und verteidigungspolitischer Saturiertheit verbinden. Diejenigen werden dann als „Kriegstreiber“ hingestellt. Und Wagenknecht spart da nicht mit deftigen Worten. Und sie ist auch sehr einseitig. Als Kriegstreiber steht nur der Westen da, dem jede Friedensabsicht abgesprochen wird. Es gehe allein um Profit und Aufrüstung.

Der SED-Beitritt Wagenknechts im Frühjahr 1989 war in gewisser Hinsicht paradox. Sie hatte es schon einmal versucht, wurde aber abgewiesen wegen mangelnder Kollektivfähigkeit

BT: Mir ist klar, dass dies schematisch ist, aber lassen Sie uns einen Moment bei zwei DDR-Biografien verweilen. Da ist Angela Merkel, die sich nach dem Fall der Mauer für die neue Demokratie entscheidet, und da ist Sahra Wagenknecht, die damals der SED beitrat. Wie erklären Sie sich ihre Entscheidung? Welche Logik steckte dahinter?

JPL: Der SED-Beitritt Wagenknechts im Frühjahr 1989 war in gewisser Hinsicht paradox. Sie hatte es schon einmal versucht, wurde aber abgewiesen wegen mangelnder Kollektivfähigkeit. Tatsächlich waren ihr die sozialistischen Jugendrituale in der DDR zuwider. Später durfte sie dann eintreten. Zu dem Zeitpunkt war die demokratische Revolution zwar nicht mehr allzu weit weg, aber dass es im Herbst 1989 so kommen wird, ahnte da noch niemand. Aber es kriselte in der SED und Sahra Wagenknecht wollte die DDR bewahren – aber nicht mit den Reformen der Perestroika, sondern mit einem starken Staat, der im Inneren für Wohlstand und Harmonie sorgt. Ausgerechnet die Individualistin wollte also den Kontrollstaat, mit dem sie persönlich haderte. Dieses Motiv, ein harmonisches Inneres von feindlichen Einflüssen zu bewahren, ist übrigens der rote Faden, der in ihr politisches Denken durchzieht. Letztlich hat dieses Motiv die Wendung zur Populistin erleichtert. Denn der Kern jedes Populismus ist ja die Abgrenzung einer Wir-Gruppe von den übelwollenden „anderen“.


BT: „Die Etiketten, die man Wagenknecht heute anklebt, konnten unterschiedlicher nicht sein“ – schreiben Sie. Dennoch muss ich nach einem solchen Etikett fragen, und zwar nach Wagenknecht als überzeugte Stalinistin. Ist sie das immer noch?


JPL: Nein. Ihr Stalinismus war zunächst sehr rigide. Das reichte bis zur Rechtfertigung selbst der Verbrechen Stalins. Sie ist dann noch in den 1990er-Jahren auf die orthodox-kommunistische Linie eingeschwenkt, indem sie die Verbrechen verurteilte, aber ansonsten das stalinistische System rechtfertigte, weil es aus ihrer Sicht für gesellschaftliche Stabilität gesorgt hatte. Ihr idealer Staat war die DDR unter Walter Ulbricht: Abschottung nach außen, selbst gegenüber Moskau bei gleichzeitigen wirtschaftlichen Liberalisierungen. Den Stalinismus hat Wagenknecht irgendwann stillschweigend ad acta gelegt, weil sie sich zunehmend mit ökonomischen Fragen beschäftigt hat. Noch heute ist für sie die Frage zweitrangig, ob ein Staat demokratisch oder diktatorisch verfasst ist. Ins Zentrum ihres Denkens rückte ein anderer Gegensatz: der zwischen den globalen „Finanzeliten“ und dem betrogenen Volk.


BT: Wagenknecht führt im Grunde genommen ein ruhiges, bürgerliches Leben, und die Bücher, die sie schreibt, ermöglichen ihr ein komfortables und wohlhabendes Leben. Wie bringt Frau Wagenknecht ihre Parolen, die sich „an den einfachen Menschen“ richten, mit ihrem eigenen Lebensstil in Einklang?


JPL: Sie sieht darin wohl keinen Widerspruch und wird argumentieren: Allen Menschen soll es gut gehen – und sie wolle eben gerade die sozial Benachteiligten zu Wohlstand bringen.


BT: „Nationalbolschewistin“ – Spiegelt dieser Begriff Wagenknechts Lebenseinstellung, Weltanschauung und politische Haltung am besten wider?

JPL: Der Begriff Nationalbolschewist unterstellt, dass Wagenknecht noch Bolschewistin ist – also Kommunistin leninistischer Prägung. Das kann man getrost vergessen. Natürlich sieht sie in einem starken Staat die Lösung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Probleme. Und sie vereint linke und rechte Positionen. Sie ist aber keine Nationalistin in dem Sinne, dass sie die eigene Nation über andere stellt. Nationalbolschewismus bezeichnet eine strategische Verbindung von Kommunismus und Nationalismus – beides trifft auf Wagenknecht nicht mehr zu.


Olga Doleśniak-Harczuk


„Sahra Wagenknecht Von der SED zum BSW“, Dr. Jürgen P. Lang, Nomos, 1. Auflage 2025, 209 Seiten. Das Werk ist Teil der Reihe Parteien und Wahlen


Dr. Jürgen P. Lang ist Politikwissenschaftler und forscht seit vielen Jahren zu Extremismus und Populismus.

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