Die Frage der historischen, moralischen und rechtlichen Verantwortung für Unrecht, das die ehemaligen Kolonialmächte in Afrika und anderswo begangen haben, geht über das Verhältnis zwischen Belgien und der Demokratischen Republik Kongo hinaus – sagt im Gespräch mit dem Portal Berliński Tygiel (Berliner Schmelztiegel) Dr. Patrick Hönig.
Berliński Tygiel: Dr. Hönig, in Ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Buch über die erzwungene Migration in der DRK haben Sie nicht nur eine tiefgreifende Analyse der Lage vorgelegt, sondern auch Interviews mit Flüchtlingen veröffentlicht; es kommen also Menschen zu Wort, die Gewalt und Vertreibung am eigenen Leib erlebt haben. Hat Sie eine der Geschichten, die Sie vor Ort von den sogenannten „einfachen Menschen“ gehört haben, in besonderer Weise bewegt?
Dr. Patrick Hönig: Jede Geschichte, die eine geflüchtete Person mir erzählt, berührt mich, weil Menschen mit ihrer Flucht so viel aufs Spiel setzen und im Erzählen doch bereit sind, andere an ihren Erlebnissen, Erfahrungen und Gedanken teilhaben zu lassen. Dazu gehört Stärke und Mut. Aber dann gibt es immer wieder Situationen, die noch einmal besonders unter die Haut gehen, weil sie Erkenntnisse bereithalten, die unerwartet kommen und die eigene Sichtweise auf das Phänomen erzwungener Migration verändern. Einen solchen Moment habe ich etwa in der Flüchtlingssiedlung Oruchinga erlebt, ganz am Ende eines Interviews mit einer jungen geflüchteten Mutter aus dem Kongo. Sie wünschte mir eine gute Reise, und ich stutzte, weil ich mich fragte, was ich ihr wohl wünschen könnte, gefangen, wie sie war, in einem Dilemma. Der Aufenthalt in der Siedlung bot keine Perspektive und die Rückkehr in den Kongo auch nicht. Wie Flucht Menschen dazu zwingen kann, im Augenblick zu verharren, frappierte mich – bis dahin hatte ich erzwungene Migration stets als dynamischen Prozess gesehen, der Menschen in Bewegung hält, wie sich herausstellte, ein Fehler!
Jede Geschichte, die eine geflüchtete Person mir erzählt, berührt mich
BT: Als Wissenschaftler sind Sie sicherlich daran gewöhnt, Sachverhalte mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Gab es jedoch Geschichten oder konkrete Situationen, die Sie als besonders herausfordernd empfunden haben?
PH: Das Besondere an empirischer Forschung oder Rechtstatsachenforschung, wie sie gerne genannt wird, wenn man sich als Jurist oder Juristin um staatliche Fördermittel bemüht, ist die teilnehmende Beobachtung politischer oder sozialer Prozesse, zu deren Verständnis man mit seinem Vorhaben einen Beitrag leisten will. Man macht nichts besser, wenn man nur mitläuft und schaut, was andere machen. Und gleichzeitig muss man sich vor Augen halten, dass in den allermeisten Fällen die Forschung da aufhört, wo man sich ins Geschehen einschaltet, um etwas zu gestalten. Ich habe mit Zeuginnen und Zeugen so mancher Gerichtsverhandlung gesprochen, die rechtsstaatliche Prinzipien und Mindeststandards des Zeugenschutzes mit Füßen getreten hat. So etwas ist bitter, weil man sieht, dass viel schiefläuft und trotzdem nichts tut, um es besser zu machen. Und doch war ich manchmal überrascht zu sehen, wie wichtig es Menschen war, an einem wissenschaftlichen Projekt teilzunehmen, in dem es darum ging, Dinge zu verstehen, nicht darum, etwas umzusetzen, das anderswo konzipiert worden war, zum vermeintlich Besten der Menschen, die niemand nach ihrer Meinung gefragt hatte.
BT: Sie schreiben unter anderem Im Fall des DRK besteht ein dauerhaftes Informationsdefizit. Wenn ich beispielsweise an die Medienberichte über das DRK in Polen oder Deutschland denke, entsteht der Eindruck, dass diese sehr oberflächlich sind. Woran liegt es, Ihrer Meinung und Erfahrung nach?
Die Menschen im Osten des Kongo erleben Gewalt leider nicht als kurzzeitiges Phänomen, gegen das man sich, wie man es bei einem Unwetter täte, schützen kann
PH: Wer sich in Deutschland über Entwicklungen in Afrika unterrichtet, stößt zunächst auf ein Problem, das sich als solches nicht ohne Weiteres zu erkennen gibt: Vieles von dem, was passiert, ist keine Meldung wert, man erfährt es schlicht nicht. Im Übrigen ist Afrika schon lange nicht mehr das Eldorado schillernder Journalisten wie Ryszard Kapuściński, der den Eindruck erweckte, am Hofe äthiopischer Herrscher spielten sich Szenen ab, wie man sie seit der Regentschaft Ludwig XIV. nicht mehr gesehen hatte. Und afrikanische Stimmen finden zunehmend ihren Weg in die Öffentlichkeit, über Qualitätsmedien, Online-Portale oder soziale Medien. Aber noch immer gibt es Reportagen, die wortreich Sachverhalte schildern, ohne sie in einen Zusammenhang zu setzen, der die Leserin oder den Leser verstehen lässt, worum es geht. „Vertraue niemandem“ beispielsweise ist zugleich Überschrift und Quintessenz eines Artikels über die Kämpfe im Osten der Demokratischen Republik Kongo, erschienen in einer überregionalen deutschen Zeitung. Aber welchen Wert die Währung Vertrauen in einem Kontext konfliktoffener Räume begrenzter Staatlichkeit hat, erfährt man in dem Beitrag nicht. Woran das liegt, ich weiß es nicht.
BT: „Die Mitarbeiterin einer internationalen Nichtregierungsorganisation in Goma verglich die bewaffneten Auseinandersetzungen im Osten des Kongo mit einem durchziehenden Gewitter, heftig, aber von kurzer Dauer“ – schreiben Sie in dem Buch. Was bedeutet das konkret für diejenigen, die diesem Gewitter ausgesetzt sind?
PH: Die Menschen im Osten des Kongo erleben Gewalt leider nicht als kurzzeitiges Phänomen, gegen das man sich, wie man es bei einem Unwetter täte, schützen kann. Die Ruhe, die einkehrt, wenn die letzten Schüsse eines Waffengangs verhallt sind, ist trügerisch. Man weiß nicht, was als Nächstes passiert. Jederzeit können neue Kämpfe entflammen, man harrt, wie es so schön heißt, der Dinge, die da kommen. Wenn das Vertrauen in die Verlässlichkeit alltäglicher Abläufe aber fehlt, wenn die Menschen den Glauben an die Verbindlichkeit allgemeingültiger Normen verlieren, dann bricht auch das Fundament zusammen, auf dem sich politische und soziale Beziehungen organisieren lassen. Die Menschen werden haltlos und fluchtbereit, das heißt, sie treffen radikalere Entscheidungen, als sie es sonst tun würden, gehen das Risiko ein, nicht anzukommen, wenn sie ihr Zuhause verlassen. Den Zustand des Unbehaustseins kennen sie schon, noch bevor sie geflohen sind, die Ungewissheit eines Lebens in der Fremde schreckt sie nicht mehr.
In der Auseinandersetzung mit dem in der Kolonialzeit begangenen Unrecht wird überall in Europa ein Eiertanz aufgeführt, der einer Aussöhnung mit den betroffenen Gesellschaften in Afrika im Weg steht
BT: Bis heute hat Belgien weder Entschuldigungen noch Wiedergutmachungen angeboten. Wie beurteilen Sie die Thematik der historischen Verantwortung, der Entschuldigung sowie der Wiedergutmachung Belgiens hinsichtlich der kolonialen Verbrechen im heutigen Demokratischen Republik Kongo?
PH: Die Frage der historischen, moralischen und rechtlichen Verantwortung für Unrecht, das die ehemaligen Kolonialmächte in Afrika und anderswo begangen haben, geht über das Verhältnis zwischen Belgien und der Demokratischen Republik Kongo hinaus. Auch Deutschland war bis zum Ende des Ersten Weltkriegs eine bedeutende Kolonialmacht und tut alles, um den Diskurs über Verantwortung in seinem Sinne zu steuern. So gesteht die deutsche Bundesregierung zwar die Begehung eines Völkermords an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika ein, aber ein in Namibia gestartetes Programm zum Wiederaufbau und zur Entwicklung will sie nicht als Wiedergutmachung verstanden wissen, sondern als Geste der Anerkennung des unermesslichen Leids, das den Opfern zugefügt wurde. Mit solch feinen sprachlichen Nuancen arbeitet man auch in Belgien. Man veranlasst die Rückführung eines Zahns, den ein belgischer Offizier im Sold der abtrünnigen Provinz Katanga dem gewählten Premierminister Patrice Lumumba vor seiner Ermordung ausgeschlagen hat, man drückt über die im Namen des belgischen Königs begangenen Verbrechen sein tiefstes Bedauern aus, scheut aber vor jeder Formulierung zurück, die als Schuldeingeständnis gedeutet werden könnte, aus Sorge vor rechtlichen Konsequenzen. In der Auseinandersetzung mit dem in der Kolonialzeit begangenen Unrecht wird überall in Europa ein Eiertanz aufgeführt, der einer Aussöhnung mit den betroffenen Gesellschaften in Afrika im Weg steht. Damit wird Europa nicht durchkommen, man weiß es, glaube ich, selbst. Die Zeit ist gekommen für das schmerzhafte Eingeständnis von Schuld, und das schließt die Bereitschaft ein, in Verhandlungen über Reparationen für das in der Kolonialzeit begangene Unrecht einzutreten.
Olga Doleśniak-Harczuk
Dr. Patrick Hönig, LL.M., studierte Rechtswissenschaften in Köln, Paris und New York. Seine wissenschaftliche Arbeit konzentriert sich auf Konfliktforschung und Menschenrechte. Er ist Autor wichtiger Bücher über erzwungene Migration in der Demokratischen Republik Kongo und über die sogenannten mobilen Gerichte im Osten des Landes: „Wenn die Gewalt nicht endet. Erzwungene Migration in der Demokratischen Republik Kongo“, Hamburger Edition, Hamburg 2025 und „Ein Ende der Straflosigkeit? Mobile Gerichte im Osten der Demokratischen Republik Kongo“, Edition Hamburg 2021]



